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FREIBURGER FENSTER am 11.09.2017, 20 Uhr im Kommunalen Kino Freiburg

Sehnsucht nach Eden von Bodo und Nils Kaiser

"Sehnsucht nach Eden"
- ein agri-kultureller Streifzug durch Freiburg und seine Umgebung
Bodo Kaiser und Niels Kaiser, D 2017, 80 Minuten

In den Notzeiten nach dem Zweiten Weltkrieg, in denen Lebensmittel knapp waren, haben Stadtbewohner öffentliche Grünflächen in gemeinschaftliche Gemüsegärten verwandelt. Heute verwandeln vor allem junge Städter Freiflächen in Gärten – ganz ohne Not, einfach aus Lust. „Raus aus dem Büro, rein in den Garten“ – ist eine neue grüne Bewegung.
Ihre Stichworte lauten: Städtische Naturerfahrung, Selbermachen, Begegnung und Gemeinschaft, Nutzung von Brachland, praktische Lernorte, Kindergärtnern, nahräumliche Lebensqualität, Integration der Kulturen und städtisches Zusammenleben.
Der Film zeigt Methoden und Arbeitstechniken des ökologischen Gartenbaus und gibt Einblicke in die Motivation und das ökologische Bewusstsein der Gruppenmitglieder. Am Beispiel des Lebensgartens Dreisamtal in Burg am Wald und des Luzernenhofes in Seefelden stellt er die innovative Bewegung "Solidarische Landwirtschaft" (Solawi) vor.
Neben Mitgliedern von "Urban Gardening" und AkteurInnen bei Vorträgen und Gesprächen beim Agrikulturfestival im Eschholzpark kommen auch Landwirte zu Wort, die in der Umgebung Freiburgs Monokultur betreiben.

Die zentralen Fragestellungen des Films: Gibt es Alternativen zum heutigen globalen Super-Markt in Form von Gartenkooperativen und gemeinsamer Selbstversorgung?
Wie kann eine bäuerliche, vielfältige Landwirtschaft erhalten bleiben und auch neu entstehen, die gesunde Nahrungsmittel erzeugt und die Natur pflegt?

Nach der Vorführung findet ein moderiertes Filmgespräch mit den Filmemachern statt.
Wiederholung des Films am 25.7.2017 im Kommunalen Kino.

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Filmbesprechung von Erika Weisser, Kulturjoker Sep 2017:

Gemüse vom Wegesrand
MIT GEMEINSCHAFTSGÄRTEN GEGEN DAS DIKTAT DER AGRARINDUSTRIE

Die von der reflektierenden Fassade der Universitätsbibliothek widergespiegelten hochgewachsenen Sonnenblumen gibt es nur noch in Bodo Kaisers neuer Dokumentation „Sehnsucht nach Eden“: Von ihrem Standort, dem Gemeinschaftsgarten „Bambis Beet“ vor dem Stadttheater, sind nur noch zwei Ecken übrig. Der Rest wurde im Zuge der Neugestaltung des Platzes der Alten Synagoge zu einem akkurat begrenzten Rasenstück. In Freiburgs sogenannter neuer urbaner Mitte ist kein Platz für Urban Gardening.
Der Garten, sagt der Filmemacher, hätte ein Ort der städtischen Naturerfahrung werden können, des gemeinsamen produktiven Handelns, wie es sich Freiburgs urbane Gärtner zum Ziel gesetzt haben. Ein Ort, der „in seiner Wildnis Leben, Freiheit und Demokratie symbolisiert, genau hier, wo jetzt diese Steinwüste entsteht“, wie Hans Kepler im Film klagt.
Bodo Kaiser hat indessen nicht nur Bambis Beet besucht, wo immer noch Tomaten tauschbörsen stattfinden, bei denen die Gartenbauer selbst erzeugtes Saatgut weitergeben. Zusammen mit seinem Sohn, dem Musiker und Biogärtner Niels Kaiser, hat er mehrere Streifzüge in und um Freiburg unternommen – zu Gärten, Feldern, ökologischen Gemeinschaftsbetrieben, Projekten der solidarischen Landwirtschaft, aber auch zu herkömmlich arbeitenden Monokultur-Höfen.
Bei seinen Streifzügen bekam der 83-Jährige „Bilder wie in der Kindheit“ zu sehen: Bilder wie in den Notzeiten nach dem Zweiten Weltkrieg, als Stadtbewohner wegen der herrschenden Lebensmittelknappheit öffentliche Grünflächen in gemeinschaftliche Gemüsegärten verwandelten.
Heute, so zeigt der Film, verwandeln vor allem junge Städter wieder Freiflächen in Gärten – „ganz ohne Not, einfach aus Lust“: In vielen Stadtteilen sind zwischen Hochhäusern, in Parks, auf brachliegenden Freiflächen oder an Bachufern solche Projekte entstanden, die gemeinsam bewirtschaftet werden und zugleich als Orte für Kommunikation, Austausch, kulturelle Integration und solidarische Nachbarschaft dienen. Und nicht nur: Wie die Kaisers bei einem Treffen der vernetzten Projekte in Erfahrung bringen, geht es den Urban Gardenern langfristig auch darum, „dem Diktat der Lebensmittelindustrie etwas entgegenzusetzen und selbst Nahrung zu erzeugen“. Dazu bräuchte es allerdings mehr Fläche: Angesichts des Gemeinschaftsgartens in der Beurbarung stellt Niels Kaiser fest, dass die Versorgung des ganzen Stadtteils „mindestens das Tausendfache der jetzigen Anbaufläche“ erfordere.
Es bleibt also noch viel zu tun, damit die Idee von der solidarischen Landwirtschaft, vom biologisch angebauten Gemüse am Wegesrand von der Utopie zur machbaren Alternative wird. „Sehnsucht nach Eden“ gibt einen schlüssigen Anstoß dazu. Und macht Lust zum Mitgärtnern.


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